ISO 9001:2026 trennt Chancen und Risiken
War das wirklich nötig?
Die Normschreiber der ISO 9001 (TC 176/2) hielten es offensichtlich für wichtig, die Anforderungen zu „6.1 Maßnahmen zum Umgang mit Risiken und Chancen“ aufzuteilen.
Bei der „Bestimmung von Risiken und Chancen“ finden wir nach wie vor das altbekannte Begriffspaar. Aber sobald es um die Maßnahmen geht, finden wir nun einen Abschnitt mit „Maßnahmen zum Umgang mit Risiken“ (inkl. einer Anmerkung) und einen weiteren Abschnitt zu „Maßnahmen zum Umgang mit Chancen“ (inkl. einer Anmerkung). Irritierend ist, dass in beiden Abschnitten die Anforderungen identisch sind.
In der noch aktuellen Version ISO 9001:2015 gibt es einen Abschnitt „Maßnahmen zum Umgang mit Risiken und Chancen“ mit zwei Anmerkungen, einer zur Erläuterung von Risiken und einer zur Erläuterung von Chancen.
Im weiteren Verlauf des Normtextes stoßen wir wiederholt auf die Aufteilung des Begriffspaares „Chancen und Risiken“ in zwei Einzelsätze, ohne Anforderungen zu ergänzen oder auch nur im Geringsten zu verändern.
Was möchten die Normschreiber sagen?
Man kann feststellen, dass viele Organisationen so etwas wie eine „Risikomatrix“ pflegen, jedoch etwas Vergleichbares mit der Bezeichnung „Chancenmatrix“ findet man eher selten.
Aber Moment mal: Wenn wir ein Risiko erkennen und Maßnahmen zur Abwehr implementieren, ergreifen wir damit nicht auch eine Chance? Und wenn wir eine Chance erkennen, tragen wir dann nicht auch die damit einhergehenden Risiken?
Meiner Meinung nach sind Risiken und Chancen zwei Seiten derselben Medaille.

Wenn die Anforderungen identisch bleiben, warum trennt die Norm dann das Begriffspaar? Handelt es sich etwa nur um einen pädagogischen Kniff der Normungsgremien?
- Weg vom reinen „Vermeidungsmodus“: Viele Organisationen haben das „risikobasierte Denken“ bisher rein defensiv interpretiert. Man sucht nach Fehlen, Gefahren und Abweichungen.
- Fokus auf die proaktive Entwicklung: Durch die explizite, getrennte Nennung werden Unternehmen eingeladen, sich bewusst auch die Frage zu stellen: „Was können wir gewinnen?“ und nicht nur „Was können wir verlieren?“
Fazit für ein „lebendiges“ QM-System
Wenn man Chancen und Risiken in zwei völlig isolierte Silos oder separate Dokumente oder Datenbanken aufteilen würde, baut man genau die Bürokratie auf, die niemandem hilft. Vielleicht will uns die Norm lediglich einladen, Chancen ein ähnliches Gewicht zu verleihen wie den Risiken.
Eigentlich ist es normal, bei der Bewertung von Szenarien Chancen und Risiken gleichermaßen zu betrachten und diese vor Entscheidungen zu konkreten Maßnahmen sorgfältig abzuwägen.
Einen konkreten Handlungsbedarf für bestehende QM-Systeme sehe ich nicht. Vielmehr ist es eine Einladung, zu reflektieren, ob sich eine Organisation zu stark auf potenzielle Risiken konzentriert.
Weitere Impulse zu diesem und weiteren Themen der ISO 9001:2026 findest Du im neuen Videokurs der Lev-Akademie.




