Die Zertifizierungsfalle
Wenn die eigene Messlatte im Audit zur Schlinge wird
Stell Dir vor, zwei Unternehmen treten am selben Tag zur Erstzertifizierung für Umwelt- (ISO 14001) oder Energiemanagement (ISO 50001) an.
In der linken Ecke: die Inno-Clever GmbH. Ein Vorreiter. Das Unternehmen hat schon immer neueste Technologien ausprobiert. Geschäftsführer und Belegschaft brennen für das Thema. Sie haben in den vergangenen fünf Jahren aus eigenem Antrieb unfassbar viele sinnvolle und grüne Ideen umgesetzt.
In der rechten Ecke: die Wie-Immer GmbH. Das Motto hier: „Haben wir schon immer so gemacht.“ Das Thema Energie und Umwelt war bisher ein blinder Fleck. Erst jetzt, im Rahmen der Projektberatung zur Zertifizierung, stößt man plötzlich auf eine Fülle von Ideen, um Energie zu sparen und die Umwelt zu schonen.

Beide starten jetzt mit dem Zertifizierungsaudit.
Die Logik sagt uns: Für die Inno-Clever GmbH wird das Audit ein Spaziergang, während die Wie-Immer GmbH ordentlich ins Schwitzen kommt, richtig?
In unserer Audit-Welt kann sich ein gänzlich anderes Bild zeigen: Für die Inno-Clever GmbH wird die Zertifizierung und deren Aufrechterhaltung zur Zerreißprobe, während die Wie-Immer GmbH von Jahr zu Jahr mit Lob überschüttet wird.
Warum? Hier zwei Beispiele:
Beispiel 1: Energie (ISO 50001) – Die Jagd nach den Kennzahlen
Die Inno-Clever GmbH hat bereits vor vier Jahren massiv investiert. Sie haben eine hochkomplexe Wärmerückgewinnung an ihren Kompressoren installiert, das gesamte Gebäude intelligent isoliert und die Maschinensteuerung KI-gestützt optimiert. Sie arbeiten nahe am physikalischen Limit.
Das Problem im Audit: Der Auditor fordert im Sinne der Norm die „fortlaufende Verbesserung“ der energiebezogenen Leistung. Aber wo soll sie noch herkommen? Die „Low-Hanging Fruits“ sind längst geerntet. Jedes weitere Prozent Einsparung kostet Unsummen.
Die Wie-Immer GmbH hingegen bläst die Abwärme ihrer Kompressoren seit 20 Jahren munter zum Fenster hinaus und beleuchtet die Hallen mit vergilbten Leuchtstoffröhren.
Der Audit-Triumph: Sie tauschen im ersten Jahr die Hallenbeleuchtung gegen LEDs aus. Im Überwachungsaudit im Folgejahr dichten sie die hörbaren Druckluftlecks ab. Die Energiekennzahlen sinken rasant. Der Auditor klatscht Beifall für diese „herausragende kontinuierliche Verbesserung“.
Beispiel 2: Umwelt (ISO 14001) – Der Kampf um die Abfallbilanz
Die Inno-Clever GmbH hat ihren Beschaffungsprozess schon lange umgestellt. Sie nutzen nahezu 100 % recycelbare oder wiederverwendbare Verpackungen und haben ein Zero-Waste-Konzept. Ihr Abfallaufkommen ist minimal.
Im Audit stehen sie unter Druck, neue Umweltziele zu definieren. Sie müssen sich an Nebensächlichkeiten abarbeiten, um überhaupt noch etwas Neues ins Maßnahmenprogramm schreiben zu können.
Die Wie-Immer GmbH trennt bis heute nicht mal vernünftig Pappe von Restmüll.
Der Audit-Triumph: Sie stellen im ersten Jahr blaue Tonnen auf. Im zweiten Jahr tauschen sie Einweg-Kaffeebecher gegen Porzellantassen. Jedes Jahr können sie eine signifikante Reduzierung von Restmüll präsentieren. Ein voller Erfolg auf dem Papier!

Der fatale Rat des Beraters
Hier wird es richtig absurd. Der externe Berater der Wie-Immer GmbH klopft dem Geschäftsführer auf die Schulter und gibt ihm diesen „Geheimtipp“:
„Mach bloß nicht alles auf einmal! Wir heben uns die Druckluftlecks für das Überwachungsaudit nächstes Jahr auf. Und die Wärmerückgewinnung machen wir erst im Re-Zertifizierungsjahr. So können wir dem Auditor jedes Jahr einen schönen Fortschritt zeigen!“
Dieser Ratschlag ist nicht nur zynisch, er ist ökonomischer und ökologischer Wahnsinn. Hier wird aktiv Geld verbrannt und die Umwelt unnötig belastet, jeden Tag, an dem das Leck nicht repariert wird, nur um eine künstliche Dramaturgie für den Auditor aufrechtzuerhalten. Es entlarvt ein unterschwelliges Problem der Zertifizierung: Manche Auditoren fordern die Implementierung zusätzlicher Maßnahmen zur Zielverbesserung, statt das Halten eines bereits exzellenten Standards anzuerkennen.

Ist das unfair?
Ja, absolut. Solches Vorgehen benachteiligt innovative Akteure. Wer schon effizient ist, hat es schwerer, sich „fortlaufend zu verbessern“, als jemand, der aus dem tiefsten Mittelalter der Unternehmensführung kommt.
Es zwingt gute Unternehmen dazu, sich absurde Mini-Ziele auszudenken (Stichwort: Blindleistung), um den Formalismus der Norm zu befriedigen.
Mein Fazit
Habe ich in diesem Artikel übertrieben? Ja, ein wenig. Extreme Beispiele machen erkennbar, was sich oft nur unterschwellig erkennen lässt. Jedoch ist der Grundtenor nicht völlig aus der Luft gegriffen. Für den Text habe ich offensichtliche Beispiele aus Umwelt- und Energieaudits genommen, wobei ich das Phänomen auch schon bei ISO-9001-Audits erlebt habe.
Managementsystemnormen beschreiben grundlegende Anforderungen. In jährlichen Audits wird bestätigt, dass sich Kunden auf die Erfüllung dieser Anforderungen verlassen können.
Demnach sollen Auditoren Konformität bestätigen. In gut organisierten Organisationen mit einem lebendigen System kann demnach das Auditergebnis lauten: keine Abweichungen oder Hinweise.
Das wiederum setzt voraus, dass sowohl die DAkkS als auch die Reviewer (Prüfer der Zertifizierungsstellen) Vertrauen in die Bewertung der Auditoren haben. Das Fehlen von Hinweisen oder Abweichungen lässt nicht notwendigerweise auf eine oberflächliche Durchführung schließen.
Auditempfehlungen dürfen nicht von Angst vor Reviewern oder übertriebenem KVP-Wahn getrieben sein. Den „Tipp“ des Beraters im obigen Beispiel habe ich leider auch schon von Auditoren während eines Audits vernommen, was einfach nur absurd ist.



